Marie Anna Schirmann







Marie Anna Schirmann war die erste Physikerin, die 1930 um Habilitation ansuchte.

Kindheit und Studium
Wissenschaftliche Laufbahn
Publikationen



Kindheit und Studium:

Marie Anna Schirmann[1] wurde am 19. Februar 1893 in Wien geboren. Ihr Vater, Moritz Schirmann, war Musikprofessor am alten Wiener Konservatorium, später in Musikhochschule umbenannt. Ihre Mutter absolvierte das Universitätsstudium der Medizin als Hospitantin und praktizierte am Sankt Anna Kinderspital in Wien. Zu der damaligen Zeit war die Erlangung des Doktorates an der medizinischen Fakultät für Frauen noch nicht möglich.

 Marie Anna Schirmann besuchte die Volksschule und widmete sich danach dem Studium des humanistischen Gymnasiums. Zu Beginn ihres Mittelschulstudiums bekam ihr Vater die Möglichkeit, am Konservatorium in München sowie an der Musikhochschule in Berlin zu arbeiten. In Berlin wirkte er bis zu seinem Tode. Deshalb begann Marie Anna Schirmann ihr Mittelschulstudium in Wien und setzte es an verschiedenen Anstalten in Deutschland fort. Teilweise besuchte sie auch Privatlehranstalten, da damals humanistische Gymnasialstudien für Frauen sehr selten waren. Nach dem Tode ihres Vaters, im Jahr 1914, trat sie in die VIII. Klasse des Mädchenobergymnasiums des Vereines für erweiterte Frauenbildung in Wien VI, Rahlgasse ein. Am 15. Juli 1914 legte sie dort die Reifeprüfung ab.

 Ab dem Wintersemester 1914/15 war Marie Anna Schirmann für acht Semester an der philosophischen Fakultät der Universität Wien als ordentliche Hörerin inskribiert. Sie studierte als Hauptfach Physik in Verbindung mit Mathematik. In ihrem Lebenslauf schrieb sie zu Wahl ihrer Studien:

 „Ich entstamme einer alten Gelehrten- und Künstlerfamilie, in welcher sich mehrere Vertreter der naturwissenschaftlichen Fächer, wie Mathematiker, Astronomen vorfanden.[…] Nach Ablegung der Reifeprüfung im Juli 1914  entschied ich mich meiner Neigung und Veranlagung entsprechend für das Studium der Naturwissenschaften.“[2]

 Ihre Dissertation führte sie am I. Physikalischen Institut der Universität Wien unter dem Titel „Dispersion und Polychroismus des polarisierten Lichtes, das von Einzelteilchen von der Größenordnung der Wellenlänge des Lichtes abgebeugt wird“[3] aus. Das Rigorosum legte sie mit Auszeichnung ab, und am 8. Juli 1918 erwarb sie den philosophischen Doktorgrad an der Universität Wien. Ihre Dissertationsarbeit wurde in der Sitzung der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien am 6. Juni 1918 vorgelegt und angenommen. Publiziert wurde ihre Arbeit in den Annalen der Physik in Deutschland.



[1] Die folgende Darstellung bezieht sich auf ihren Rigorosenakt Nr. 4533 und auf ihre Personalakte Nr. 3298, beides aus dem Archiv der Universität Wien.

[2] Curriculum vitae, Personalakt Nr. 3298, Archiv der Universität Wien.

[3] Rigorosenakt Nr. 4533, Archiv der Universität Wien.


Wissenschaftliche Laufbahn

Gegen Ende des siebten Semesters wurde sie von Universitätslehrern dem k. u. k. Kriegsministerium in Wien als Physikerin empfohlen. Sie bestand unter mehreren Kandidaten die Fachprüfung aus drahtloser Telegraphie. Folglich wurde sie an das k. k. Flieger–Radio–Versuchslaboratorium am Elektrotechnischen Institut der technischen Hochschule in Wien IV, Gusshausstraße zugeteilt. Dort wirkte sie zirka ein Jahr lang als wissenschaftliche Assistentin und Mitarbeiterin und führte theoretische und praktische Arbeiten über „Elektronenröhren“ aus.

 Ihr nächstes wissenschaftliches Interesse galt, nach Anregung von Felix Exner, den meteorologischen Anwendungsgebieten ihrer Dissertationsresultate. Dabei entstanden ihre Arbeiten über Himmelspolarisation und –polychroismus.

 Am 15. Juli 1919 erhielt sie vom akademischen Senat der Universität Wien ein Reisestipendium. Zu wissenschaftlichen Ausbildungszwecken kam sie an die schwedische Universität. Von Anfang März 1920 bis zum 15. September 1920 arbeitete sie an der Fysiska bei Professor G. Granqvist, Direktor des physikalischen Institutes in Uppsala und damals auch Präsident der Nobelkommission für Physik.

 Im Jahre 1921 war sie mit der Erfindung einer neuartigen Röntgenröhre mit Drehanode beschäftigt. Für diese Erfindung erwarb sie das Patent.

 Im März und April 1922 übernahm sie die Vertretung eines Assistenten am III. Physikalischen Institut der Wiener Universität. Damaliger Vorstand war Professor Felix Ehrenhaft. Am 1. Mai 1922 wurde sie zur außerordentlichen Assistentin am III. Physikalischen Institut bestellt.

 In ihrer Tätigkeit als außerordentliche Assistenten setzte sie sich mit verschiedenen Arbeitsgebieten auseinander.

Von 1923 an beschäftigte sie sich mit dem damals wenig bekannten, aber zukunftsreichen Gebiet der Hochvakuumphysik. Sie errichtete eine Hochvakuumanlage zur Erforschung der physikalischen Erscheinung in höchsten Vakua. Marie Anna Schirmann musste die Methoden zur Erzeugung, Erhaltung und Messung extremster Vakua erst selbst entwickeln. Ihre vorläufigen Ergebnisse trug sie 1924 auf der Tagung deutscher Naturforscher und Ärzte in Innsbruck vor.

 Im Jahre 1924 erwarb sie das Patent für die Quecksilberdampf–Extremvakuumpumpe, eine sehr leistungsfähige Hochvakuumpumpe. Diese fand in einer Reihe von wissenschaftlichen und technischen Laboratorien im Inland sowie im Ausland Verwendung.

 Im Jahre 1926 konnte sie die Reibungselektrizität zwischen festen Körpern und Gasen feststellen. Dies war schon seit längerem vermutet, aber noch nicht festgestellt worden.[1]

 Nach Ablauf ihrer sechsjährigen Tätigkeit als außerordentliche Assistentin wurde nach kommissioneller Prüfung ihre Dienstzeit um weitere zwei Jahre, vom 1. Mai 1928 bis zum 30. April 1930, verlängert, „da sie die Eignung zur ordentlichen Assistentin besitzt und ihre Belassung im Dienst besonders wünschenswert ist, da bei derselben der Fall einer im Sinne des §2 (I) b der Eignung zum Hochschullehramt gleichzuhaltenden wissenschaftlichen und praktischen Eignung zutrifft“.[2] Im Kommissionsbericht ist weiters vermerkt, dass nach den zwei Jahren ihr Übertritt in die Praxis erfolgen soll.

Zwei Aussagen von Kommissionsmitgliedern seien erwähnt:

 „Ehrenhaft;- beantragt Weiterbestellung.- E. will Keine Dauerbestellung; Keine Habilitation; zur Weiterbestellung auf 2 Jahre.

Schweidler: Begründung wäre: prakt. Tätigkeit im Institut.- Damit Kein Anspruch v. Mgl. Für Habilitation abgeleitet wird.“[3]

 Im Schreiben vom 23. Mai 1928 an das Dekanat der philosophischen Fakultät der Universität Wien wurde bezüglich ihrer Weiterbestellung ausdrücklich betont, dass

 „im Sinne der Bestimmungen des § 2 Abs. 2 des Gesetzes vom 5. Dezember 1919, St.G.Bl. Nr. 557 ganz ausnahmsweise und unter ausdrücklicher Verwahrung gegen jegliche Beispielsfolgerungen die Genehmigung erteilt wird“.[4]

 Ein Höhepunkt während ihrer Zeit als Assistentin war die Aufnahme vom Präsidenten des österreichischen Nationalkomitees Sektionschef Kusminsky in die internationale beleuchtungstechnische Kommission (I.B.C.).[5]

 Am 15. Mai 1930 reichte Marie Anna Schirmann, 37 Jahr alt, ledigen Standes, nun emeritierte Assistentin am III. Physikalischen Institut, ihr Habilitationsgesuch ein. Das Thema ihrer Habilitationsarbeit war „Neue Wege zur Erzeugung, Erhaltung und Messung extremster Hochvakua und die Untersuchung physikalischer Eigenschaften entgaster Materie im Vakuum, insbesondere der Reibungselektrizität zwischen festen Körpern und Gasen.“[6]

 Von der damit beauftragten Kommission wurde festgestellt, dass das Gesuch für dieses Gebiet der Physik von Marie Anna Schirmann den gesetzlichen Bestimmungen entspreche.

Auch betreffend der persönlichen Eignung wurde kein Einwand vorgebracht: 34 Mitglieder stimmten mit ja, drei mit nein und vier enthielten sich ihrer Stimme.

 Bei der sachlichen Eignung wurde bemerkt, dass ihre Habilitationsschrift eine

 „zusammengefasste Sammlung von 9 Arbeiten und Patentschriften den gesetzlichen Anforderungen an eine Habilitationsschrift nicht entspreche. Abgesehen davon, dass die Ergebnisse dieser Arbeiten zum Teil nicht unangefochten geblieben seien.

 weiters, dass

 „das von einem Privatdozenten zu fordernde Niveau des allgemeinen Wissens in seinem Fache nicht erreicht erscheine.“[7]

 Der Kommissionsbericht endet damit, dass Marie Anna Schirmanns Antrag wegen nicht ausreichender sachlicher Eignung abgelehnt wurde. Bei einer Stimmenthaltung wurde dieser Beschluss mit allen übrigen Stimmen angenommen.

 Die Bekanntmachung an Marie Anna Schirmann lautete:

 „dass die philosophische Fakultät mit Kollegiumsbeschluss vom 17. Jänner 1931 ihrem Ansuchen um Habilitation für das Fach der Physik nicht stattgegeben hat, weil die Habilitationsschrift nicht für geeignet empfunden wurde“[8].

 Als genauere Erklärung wurde angeführt:

 „mehrere Abhandlungen können ausnahmsweise dann als Habilitationsschrift gelten, wenn sie sich auf die methodische Bearbeitung desselben Problems beziehen und nach Erachten des Professorenkollegiums vermöge ihres sachlichen Zusammenhanges eine nach einem einheitlichen Plan angelegte größere Arbeit darstellen.“[9]

 Über ihre weiteren Tätigkeiten als Physikerin ist nichts mehr dokumentiert.



[1] Curriculum vitae, Personalakt Nr. 3298, Archiv der Universität Wien.

[2] Kommissionsbericht, Personalakt Nr. 3298, Archiv der Universität Wien.

[3] Protokoll D.Zl.517, Archiv der Universität Wien.

[4] Philosophisches Dekanat Z.6412 –I-2, Archiv der Universität Wien.

[5] Curriculum vitae, Personalakt Nr. 3298, Archiv der Universität Wien.

[6] Habilitationsgesuch, Personalakt Nr. 3298, Archiv der Universität Wien.

[7] Kommissionsbericht, Personalakt Nr. 3298, Archiv der Universität Wien.

[8] Dekanat der philosophischen Fakultät, DZ.1368, Archiv der Universität Wien.

[9] Dekanat der philosophischen Fakultät, DZ.1368, Archiv der Universität Wien.



Publikationen:

1.      Dispersion und Polychroismus des polarisierten Lichtes, das von Einzelteilchen von der Größenordnung der We1len1nge des Lichtes abgebeugt wird; Sitzungsber. 127,Heft 8, (1919).

2.      Dispersion und Polychroismus des polarisierten Lichtes ...abgebeugt wird; Ann. d. Phys. 69, 493, (1919).

3.      Neue theoretische Untersuchungen über die Polarisation des Lichtes an trüben Medien und deren Konsequenzen über die Probleme der atmosphärischen  Polarisation, Meteorolog. Zeitschr. 12, 12, (1920).

4.      Versuch einer einheitlichen Erklärung der Erscheinungen der atmosphärischen Polarisation, Ann. d. Phys.61,195, (1920).

5.      Zur Theorie der Doppelgitter, I. (Ein elektrostatisches Problem); Ann. d. Phys. 62, 97, (l920).

6.      Berechnung des Durchgriffs von Doppelgitterverstärkerröhren I. Archiv f. Elektrotechn. VIII, 441, Heft 12, (1920).

7.      Bericht über die Optik kleinster Teilchen mit besonderer Berücksichtigung neuerer experimenteller Forschung; Jahrb. d. Radioaktiv. u. Elektronik, 18, 22, Heft 1, (1921).

8.      Ultramikroskopie. Handbuch der biochemischen Arbeitsmethoden, herausgeg. von Abderhalden, Abteilung II, Physikalische Methoden.

9.      Ent1adungsröhren mit beweglichen Elektroden. Öster. Pat. Urkunde Nr. 86413, angemeldet am 2l, I.1920, Patenterteilung am 25.XI.1921.

10.  Über die Erscheinungen der Polarisation des Lichtes an submikroskopischen Teilchen der Größenordnung 105 cm; Phys. ZS. 23, 44l, (1922).

11.  Quecksilberdampf- Extremvakuumpumpe. Öster. Pat. Urkunde Nr. 102912, angemeldet am 27.V.1924, Patenterteilung vom 25.111.1926.

12.  Bemerkungen zur Veröfentlichung von J. J. Tichamovesky, „Der Polychroismus der Himmelspolarisation“, Phys. ZS. 25, 584, (1924).

13.  Über die Erzeugung, Erhaltung und Messung höchster Vakua (die Extremvakuumpumpe, das Adsorptionsmanometer), Phys. ZS. 25, 631, (l924).

14.  Nephelometrie. Handbuch der biochemischen Arbeitsmethoden. Herausgeg. von Abderhalden, Abt. II ‚Physikalische Methoden.

15.  Neue Kunstgriffe in der Hochvakuumtechnik.

16.  Sicherung von hochevakuierten Rezipienten gegen das Eindringen von Gasresten beim “Abstechen“ derselben durch geeignete Anordnung der Strömungswiderstände vor und während des Evakuierungs- bzw. Entgasungsvorganges.

17.  Ein “elektrisch gedichteter“ Vakuumhahn (bzw. - schliff) durch Anwendung der elektrischen Anziehung nach Johnsen-Rahbek, Phys. ZS. 27, 650, (1926).

18.  Elektrisch gedichteter Vakuumhahn bzw. -schliff, Öster. Pat. Urkunde Nr. 109897, angemeldet am 30. Nov. 1926, Patenterteilung am 11. Juni 1928.

19.  Die Erzeugung extremster Vakua durch erkaltende hocherhitzbare Metalle als Sorbentien (spez. Wolfram), Phys. ZS. 27, 743, (l926).

20.  Neue Fortschritte in der Hochvakuumforschung, in Forschungen und Fortschritte (Korresp. Blt. d. deutschen Wissenschaft und Technik, Berlin, 3, 158, Nr. 20, (1927).

21.  Studien zur Frage nach der Existenz einer Elektrisierung durch Reibung zwischen festen Körpern und Gasen. I. Z. f. Phys. 46, 209, (1927).

22.  Ein Erklärungsversuch zu dem sog. thermischen Rückstandsphänomen von Majorana, Phys . ZS. 29, 676, (1928).

23.  Über Aktivierung von Metal1en im Hochvakuum zu Sorbentien beliebiger, auch inerter Gase. (Thermische Molekularsorption), Phys. ZS. 30, 876, (1929).

24.  Über den Einfluss der Gase im Glas auf lichttechnische Fragen. E. u. M. 47, Heft 47, 1, (1929).